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Fachrat EIV in Braunschweig: Was Energiegenossenschaften jetzt bewegt – Praxis, Politik und konkrete Lösungsansätze

  • 30.04.2026
  • Aus dem Verband

Am 22. und 23. April 2026 trat der Fachrat der Fachvereinigung der Energie-, Immobilien- und Versorgungsgenossenschaften (EIV) zu seiner Frühjahrssitzung in Braunschweig zusammen. Gastgeberin war die Energiegenossenschaft Braunschweiger Land eG, die die Teilnehmenden an zwei kompakten und inhaltlich dichten Sitzungstagen begrüßte.

Im Mittelpunkt standen Themen, die viele Energiegenossenschaften aktuell in Projekten und in der strategischen Weiterentwicklung beschäftigen: verlässliche Rahmenbedingungen, praxistaugliche Umsetzung von Mieterstrom und Energy Sharing, der Umgang mit Netzengpässen sowie Fragen der Organisation – von Versicherungslösungen bis zur digitalen Mitgliederverwaltung. Der Fachrat bot Raum, Erfahrungen zu teilen, Positionen zu schärfen und konkrete nächste Schritte abzuleiten.

Die Vorstellung der Energiegenossenschaft Braunschweiger Land eG knüpfte unmittelbar an den Alltag vieler Genossenschaften an: Wie gelingt die Zusammenarbeit mit Kommune, Verwaltung und lokalen Partnern – und wie lassen sich diese Akteure sinnvoll einbinden? In der Diskussion zeigte sich, dass belastbare Beziehungen vor Ort (z. B. über Gremien, Beiräte oder gemeinsame Projektstrukturen) ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Projektentwicklung und Akzeptanz sein können.

Update des Genoverbands als Grundlage für die Diskussion

Nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden des Fachrates, Christian Breunig, nahm das Update des Genoverbands am ersten Sitzungstag einen zentralen Stellenwert ein. Peter Götz und Christoph Gottwald skizzierten die aktuelle wirtschaftliche Lage, strategische Entwicklungen sowie neue und geplante Leistungen des Genoverbands. Zugleich ordneten sie die Rahmenbedingungen für Energie‑, Immobilien‑ und Versorgungsgenossenschaften in den wirtschaftlichen und politischen Gesamtzusammenhang ein.

Peter Götz betonte: „72 neue Genossenschaften sind zunächst nur eine Zahl. Entscheidend ist, was dahintersteht: innovative Geschäftsmodelle und Projekte, die vor Ort Wirkung entfalten. Damit Genossenschaften dieses Potenzial weiter heben können, brauchen sie verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen.“

Die Beiträge führten zu einer intensiven Diskussion im Fachrat. Rückfragen und Wortmeldungen verdeutlichten die Relevanz der Themen für den operativen Alltag und die strategische Ausrichtung der Mitgliedsgenossenschaften. Der Austausch unterstrich die Rolle des Fachrates als Dialogplattform zwischen Verband und Praxis.

Christian Breunig betonte: „Der Fachrat lebt vom offenen Austausch. Gerade die Updates aus dem Verband sind wichtig, um gemeinsam einzuordnen, wo wir stehen, und welche Weichen wir für die Zukunft der Genossenschaften stellen müssen.“

Politische Einordnung und Praxisimpulse

Im Beitrag von Dr. Andreas Eisen zur aktuellen politischen Lage und zur Arbeit der Interessenvertretung wurde deutlich, dass der Genoverband die Anliegen der Genossenschaften nicht nur über Stellungnahmen und Positionspapiere adressiert, sondern sie systematisch in politische Prozesse einbringt – unter anderem über die Gesprächsreihe „Politik trifft Praxis“ und über die regionalen Runden Tische der Energiegenossenschaften.

Die Runden Tische sind ein bewährtes Format, um Erfahrungen aus der Praxis zu bündeln, regionale Netzwerke zu stärken und Hemmnisse frühzeitig sichtbar zu machen – etwa bei Netzanschlüssen, Genehmigungsfragen, Mieterstrom und Energy Sharing. Für viele Genossenschaften ist genau dieser Austausch wertvoll: Was funktioniert in der Umsetzung, wo hakt es, und welche Lösungen lassen sich auf andere Regionen übertragen?

In den „Politik trifft Praxis“-Terminen konnten diese Punkte direkt mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern diskutiert und mit Beispielen aus konkreten Projekten untermauert werden. Ziel ist es, für Bürgerenergie verlässliche, praxistaugliche Regeln zu sichern – damit Investitionen vor Ort planbar bleiben, Beteiligung weiterhin gelingt und regionale Wertschöpfung gestärkt wird.

Mit dem Praxisbeitrag von Jan Wollesen (Energiegenossenschaft LippeStrom eG) zum Thema Mieterstrom standen konkrete Umsetzungsfragen im Mittelpunkt. Der anschließende Austausch machte deutlich, dass Mieterstrom und Energy Sharing zwar hohes Potenzial für Teilhabe und Akzeptanz bieten, in der Praxis jedoch weiterhin durch komplexe Anforderungen, Abgrenzungsfragen und bürokratische Hürden ausgebremst werden. Der Fachrat diskutierte insbesondere, an welchen Stellen Vereinfachungen notwendig sind, damit Projekte in Quartieren und auf kommunalen Dächern wirtschaftlich umsetzbar bleiben.

Zweiter Sitzungstag: Vor-Ort-Einblicke und weitere Impulse

Am zweiten Sitzungstag besichtigten die Teilnehmenden gemeinsam die Photovoltaikanlage der Energiegenossenschaft Braunschweiger Land eG auf dem Dach des Neubaus einer Schule in Braunschweig. Die Anlage veranschaulichte die Umsetzung genossenschaftlicher Bürgerenergieprojekte und bot Anlass zum Austausch über technische, wirtschaftliche und organisatorische Fragestellungen.

Bericht aus Berlin: Netzpaket und EEG-Novelle im Fokus

Es folgte der „Bericht aus Berlin“ aus der Bundesgeschäftsstelle Energiegenossenschaften. René Groß (Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e.V.) ordnete die Vorhaben der Bundesregierung bzw. des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zum Netzpaket und zur EEG‑Novelle kritisch ein. Beim Netzpaket wurde insbesondere ein möglicher Systemwechsel beim Netzanschluss hervorgehoben: Zusätzliche Spielräume für Netzbetreiber (z. B. Priorisierung von Anschlussbegehren, stärkere Eingriffe über Redispatch) könnten Risiken stärker auf Projektträger verlagern. Für Genossenschaften ist dabei zentral, dass Abregelungen in Engpassgebieten nicht zulasten der Projektwirtschaftlichkeit gehen und ein verlässlicher finanzieller Ausgleich gewährleistet bleibt.

Mit Blick auf die EEG‑Novelle wurde betont, dass Änderungen zulasten kleiner, dezentraler Anlagen Bürgerenergie ausbremsen würden. Besonders PV‑Dachprojekte – etwa auf kommunalen Gebäuden sowie in Mieterstrom‑ und Quartierslösungen – sind auf stabile, planbare Rahmenbedingungen angewiesen. Für den Fachrat ist daher entscheidend: Das EEG muss Investitions- und Finanzierungssicherheit für dezentrale Akteure bieten; Netzanschluss und Einspeisung müssen diskriminierungsfrei bleiben; und neue Instrumente dürfen die Bankfähigkeit von Projekten nicht gefährden. Die Bundesgeschäftsstelle kündigte an, diese Punkte gemeinsam mit dem Genoverband weiterhin aktiv in die politischen Verfahren einzubringen.

Versicherungsschutz von PV-Anlagen

Im weiteren Verlauf erläuterte Carsten van de Loo von der Energiegenossenschaft Braunschweiger Land eG den Versicherungsschutz von Photovoltaikanlagen. Er stellte zentrale Aspekte der Umsetzung dar und berichtete aus der Praxis. Der Beitrag mündete in eine Diskussion zu Risikomanagement und Absicherungsmöglichkeiten in Energiegenossenschaften. Carsten van de Loo fasste seine Erfahrungen zusammen: „Photovoltaikprojekte sind ein zentraler Baustein unserer Arbeit. Umso wichtiger ist es, Risiken realistisch einzuschätzen und den Versicherungsschutz frühzeitig mitzudenken.“

Digitalisierung und Mitgliederverwaltung

Digitale Infrastruktur als Grundlage für Wachstum und effiziente Prozesse in Genossenschaften waren ein weiterer Schwerpunkt. Kai Hock (Bürgerwerke eG) zeigte in seinem Referat auf, wie sich Mitgliedergewinnung und Mitgliederverwaltung durch digitale, standardisierte Prozesse spürbar entlasten lassen – unter anderem durch den digitalen Beitritt, der papierbasierte Abläufe ersetzt und die Mitgliederkommunikation vereinfacht.

Ergänzend wurde mit openGeno eine Plattformlösung vorgestellt, die zentrale Verwaltungsprozesse (u. a. Mitgliedschaften, Anteile und Kommunikation) bündelt und damit die Skalierbarkeit wachsender Genossenschaften unterstützt. In der Diskussion wurde deutlich: Digitalisierung ist nicht Selbstzweck, sondern ein Hebel, um Verwaltungsaufwand zu reduzieren, Transparenz zu erhöhen und die Organisation für weitere Projekte professionell aufzustellen.

Der Genoverband wird die diskutierten Themen in den kommenden Monaten weiter vertiefen und die Anliegen der Mitgliedsgenossenschaften über die bestehenden Austausch‑ und Politikformate konsequent in die laufenden Prozesse einbringen. Für die Genossenschaften der Fachvereinigung bietet der Fachrat damit eine konkrete Anlaufstelle, um Praxiserfahrungen einzuspeisen, gemeinsame Positionen zu schärfen und Lösungen zu entwickeln, die Projekte vor Ort tatsächlich voranbringen.

Sprechen Sie hierzu gerne an:

Christoph Gottwald Profil bild
RA

Christoph Gottwald

Abteilungsleiter
Gewerbe & Energie, Immobilien und Versorgung (EIV)

  • 0251 7186-9622

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