„Seid mutig, selbstbewusst und traut euch"
Die Landwirtschaft wurde Nancy Büttner praktisch in die Wiege gelegt. Aufgewachsen im Familienbetrieb ihrer Eltern, war für sie schon früh klar, dass ihr Herz für die Landwirtschaft schlägt – genauer gesagt für die Arbeit mit Rindern. Heute ist die 27-Jährige Leiterin der Tierproduktion, Ausbilderin und Mitglied im Aufsichtsrat der Agrargenossenschaft Dorfchemnitz eG und gestaltet die Zukunft ihres Unternehmens aktiv mit.
Die Agrargenossenschaft Dorfchemnitz eG beschäftigt aktuell rund 50 Mitarbeitende in den Bereichen Ackerbau und Milchwirtschaft. Nancy Büttner ist derzeit die einzige Frau in der Leitungsebene. Nach ihrer Ausbildung und dem Abschluss als Technikerin fing sie 2022 in der Agrargenossenschaft an. Seitdem hat sie schnell Verantwortung übernommen: Neben der Leitung der Tierproduktion verantwortet sie mittlerweile auch das Herdenmanagement und setzt dabei auf moderne Technologien.
Der „Kuhvirus“ zeigte sich früh
Wann sie wusste, dass Landwirtschaft ihr Beruf ist? Die Antwort kommt ohne Zögern: Bereits als Kind wollte sie Melkerin werden, weil ihre Mutter im Stall arbeitete. Mit den Jahren wurde aus dieser frühen Begeisterung ein regelrechter „Kuhvirus“, der sie bis heute nicht losgelassen hat.
Ihre Arbeit beschreibt sie mit drei Worten: vielfältig, verantwortungsvoll und spannend.
Besonders das Herdenmanagement zeigt für sie jeden Tag aufs Neue, wie wichtig Fachwissen, Aufmerksamkeit und moderne Technik sind. So erinnert sie sich an eine Kuh, bei der das Monitoring-System frühzeitig Auffälligkeiten meldete. Durch das schnelle Eingreifen konnte ein drohender Stoffwechselzusammenbruch verhindert und das Tier gerettet werden. Solche Momente bestätigen sie darin, den richtigen Berufsweg gewählt zu haben.
Frauen in der Landwirtschaft - Mut machen und Chancen nutzen
Obwohl sich die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren geöffnet hat, sieht Nancy Büttner nach wie vor Herausforderungen für Frauen in der Branche. Während ihrer Ausbildung erlebte sie häufig gut gemeinte Unterstützung von männlichen Kollegen. Gleichzeitig fehlte dadurch manchmal das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, da Aufgaben vorschnell abgenommen wurden.
Auch im Berufsalltag begegnet sie gelegentlich noch traditionellen Vorstellungen. Vor allem in älteren Generationen halte sich teilweise die Ansicht, bestimmte Aufgaben seien „Männersache“. Bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen beobachtet sie dagegen deutlich häufiger einen gleichwertigen Umgang.
Interessanterweise macht sie die Erfahrung, dass Mitarbeitende mit ihren Anliegen oft eher auf Frauen zugehen. Sie vermutet, dass Frauen in Führungspositionen häufig als besonders einfühlsam und zugänglich wahrgenommen werden.
Bei Banken, Behörden und Geschäftspartnern fühlt sie sich hingegen nicht benachteiligt. Dennoch zeigt ein Blick in viele Leitungs- und Aufsichtsgremien der Landwirtschaft, dass Frauen dort weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind.
Jungen Frauen, die über einen Einstieg in die Landwirtschaft nachdenken, gibt Nancy Büttner eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Seid mutig, selbstbewusst und traut euch. Probiert Dinge selbst aus und lasst euch nicht bevormunden.“
Aus ihrer Sicht ist es wichtig, eigene Erfahrungen zu sammeln und sich durch Vorurteile nicht von den eigenen Zielen abbringen zu lassen.
Familie und Beruf: Eine Herausforderung für die Branche
Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sieht Nancy Büttner als eine der großen Herausforderungen der Landwirtschaft. Zwar ist das Thema für die 27-Jährige persönlich aktuell noch nicht relevant, dennoch beobachtet sie die Rahmenbedingungen im Berufsalltag genau. Ihrer Erfahrung nach ermöglichen Führungsaufgaben oft mehr Flexibilität bei der Arbeitsorganisation. Dass familienfreundliche Lösungen in landwirtschaftlichen Betrieben funktionieren können, zeigt für sie das Beispiel einer Kollegin im Herdenmanagement, die erfolgreich in Teilzeit tätig ist. Dennoch stellt insbesondere die Arbeit im Schichtsystem viele Eltern – und vor allem Alleinerziehende – vor erhebliche Herausforderungen. Umso wichtiger wird es für die Branche, auch künftig praktikable Modelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu schaffen.
Sorgen um die Zukunft der Landwirtschaft
Mit Blick auf die aktuelle Situation der Branche zeigt sich Nancy Büttner nachdenklich. Niedrige Milchpreise, schwache Getreideerlöse und gleichzeitig steigende Betriebsmittelkosten setzen viele Unternehmen unter Druck. Die Folgen seien sichtbar: Einige Betriebsleiter denken über Betriebsaufgaben oder berufliche Veränderungen nach, vielerorts werde gespart, wo es nur möglich ist. Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft fordert sie vor allem mehr Planungssicherheit und weniger bürokratische Belastungen. Gleichzeitig wünscht sie sich mehr Vertrauen in die fachliche Kompetenz landwirtschaftlicher Betriebe und eine stärkere Förderung regional erzeugter Produkte.
Besonders kritisch sieht sie den Wettbewerb mit Importwaren, die oftmals unter niedrigeren Standards produziert werden. Wer Regionalität und hohe Qualitätsstandards fordere, müsse diese auch wirtschaftlich stärken.
Blick nach vorn
Für die kommenden fünf Jahre setzt Nancy Büttner auf einen positiven Wandel. Der Generationswechsel in vielen Betrieben werde neue Perspektiven mit sich bringen. Junge Führungskräfte brächten häufig einen offeneren Blick auf Rollenbilder mit. Gleichzeitig wünscht sie sich, dass noch mehr Frauen den Mut finden, Verantwortung zu übernehmen und Führungsaufgaben in landwirtschaftlichen Unternehmen anzustreben. Denn für sie steht fest: Kompetenz, Engagement und Leidenschaft für die Landwirtschaft kennen kein Geschlecht.