Die Agrargenossenschaften sehen ihre wirtschaftliche Entwicklung und die geplante Ausgestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik ab 2028 mit Sorge. Das aktuelle Barometer Agrargenossenschaften, eine vom Genoverband zweimal jährlich durchgeführte Umfrage unter Agrargenossenschaften, wurde im Juni 2026 erhoben und zeigt deutliche Verunsicherung: 56 Prozent der befragten Betriebe bewerten ihre Lage als schlecht oder sehr schlecht; 32 Prozent erwarten in den kommenden zwölf Monaten eine weitere Verschlechterung. Die Ergebnisse stützen die Position des Genoverbands, dass die Betriebe in dieser Lage Unterstützung und verlässliche Rahmenbedingungen brauchen – nicht zusätzliche politische Unwägbarkeiten.
Besonders deutlich wird dies bei Kappung und Degression der Direktzahlungen: 95 Prozent der befragten Agrargenossenschaften erwarten erhebliche strukturelle Umbrüche; ebenso viele sehen ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit bei einer Kappung auf 100.000 Euro gefährdet. Angesichts angespannter Märkte und hoher Kosten würden zusätzliche Eingriffe die Unsicherheit weiter erhöhen. 97 Prozent fordern zudem eine stärkere Ausrichtung der GAP auf Vereinfachung und Bürokratieabbau.
„Die Umfrage ist ein klares politisches Signal: Die Betriebe brauchen Entlastung, Planbarkeit und eine Agrarpolitik, die Kooperation nicht benachteiligt. Kappung und Degression dürfen nicht zu einem zusätzlichen Belastungsfaktor für ländliche Räume werden“, erklärt der Genoverband.
GAP-Vorschläge treffen ostdeutsche Agrarstrukturen besonders hart
Die aktuellen Vorschläge der EU-Kommission sehen vor, Direktzahlungen oberhalb von 20.000 Euro schrittweise zu kürzen und bei 100.000 Euro pro Betrieb zu deckeln. Nach Einschätzung des Genoverbands würden dadurch vor allem größere, kooperativ organisierte Agrarstrukturen erheblich benachteiligt, die insbesondere in Ostdeutschland historisch gewachsen und wirtschaftlich prägend sind. Agrargenossenschaften bewirtschaften dort rund 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche.
Die jüngsten politischen Signale weisen in die richtige Richtung. Der GAP-Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Norbert Lins, spricht sich gegen eine verpflichtende Degression aus und schlägt eine deutlich höhere Kappungsgrenze nur für natürliche Personen vor, um damit insbesondere der Struktur in Ostdeutschland mit der Vielzahl an Agrargenossenschaften Rechnung zu tragen.
Auch die Ministerpräsidentenkonferenz vom 25. Juni 2026 lehnt die obligatorische Kappung und Degression ab und betont die angemessene Förderung aller Betriebsformen und -größen.
Der Genoverband begrüßt diese Positionierung ausdrücklich. Entscheidend ist nun, dass Länder und Bundesregierung geschlossen auftreten und die deutsche Linie in Brüssel klar vertreten. In der Weiterentwicklung der Agrarpolitik liegt weiterhin erhebliches Potenzial: Sie muss einfacher werden und unterschiedliche Betriebsstrukturen sachgerecht berücksichtigen.
Wirtschaftliche Lage: Kosten, Preise und Politik setzen Betriebe unter Druck
Die wirtschaftliche Lage der Agrargenossenschaften wird vor allem durch externe Faktoren bestimmt. 92 Prozent der Befragten nennen Erzeugerpreise als wesentlichen Einflussfaktor, 89 Prozent Produktionskosten und 63 Prozent die Agrarpolitik. Die Betriebe stehen damit zugleich unter Markt- und Regelungsdruck.
Hinzu kommen geopolitische Risiken. Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt bereiten vor allem weitere Kostensteigerungen Sorge: 99 Prozent nennen sie als zentrale Belastung. 64 Prozent verweisen auf Risiken für die Versorgungssicherheit bei Betriebsmitteln, 53 Prozent auf Preisvolatilität bei Agrarprodukten. Globale Krisen wirken damit unmittelbar auf Kosten, Märkte und Planungssicherheit.
Die Investitionsbereitschaft bleibt entsprechend defensiv. In Technik und landwirtschaftliche Nutzfläche wird überwiegend zur Erhaltung investiert; Wachstumsinvestitionen sind in vielen Bereichen gering. Gleichzeitig planen große Teile der Betriebe keine Investitionen in Direktvermarktung, erneuerbare Energien oder Außendarstellung. Unsicherheit bremst damit Zukunftsinvestitionen – Substanzerhalt dominiert.
Agrarpolitische Wende kommt bei den Betrieben nicht an
Auch die Bewertung der Bundesregierung fällt kritisch aus. Nur 22 Prozent der Befragten sehen gegenüber dem Vorjahr eine Verbesserung der Agrarpolitik; 33 Prozent nehmen keine Veränderung wahr, 45 Prozent sehen eine Verschlechterung. Die agrarpolitische Neuausrichtung ist damit bei der Mehrheit der Agrargenossenschaften noch nicht angekommen. Positive Ansätze der Bundesregierung sollten daher klarer kommuniziert und mit hoher Priorität zügig umgesetzt werden.
Die politischen Handlungsfelder sind aus Sicht der Betriebe klar: 75 Prozent nennen Bürokratieabbau als vordringlich, 61 Prozent faire Wettbewerbsbedingungen und 49 Prozent eine klare Position für eine starke Gemeinsame Agrarpolitik. Daraus ergibt sich eine eindeutige Agenda: weniger Bürokratie, verlässliche Rahmenbedingungen und eine GAP, die wirtschaftliche Realität berücksichtigt. Agrargenossenschaften wollen sich auf Politik verlassen können; dafür braucht es dauerhaft vertrauensbildende Maßnahmen.
Genoverband: Positive Signale nutzen, GAP praxistauglich weiterentwickeln
Der Genoverband setzt sich dafür ein, Agrargenossenschaften als kooperative Mehrfamilienbetriebe in der GAP sachgerecht zu berücksichtigen. Eine rechtsformneutrale Förderung muss aktive Mitgliedschaft, Mit-Unternehmertum, Beschäftigung und regionale Wertschöpfung anerkennen. Die Vorschläge von Norbert Lins und die Position der Ministerpräsidentenkonferenz bieten dafür wichtige Ansatzpunkte.
Statt die Debatte erneut grundsätzlich zu führen, sollte der Fokus nun auf der konkreten Ausgestaltung liegen: einfacher, planbarer und investitionsfreundlicher. Die GAP sollte Kooperation ermöglichen, junge Menschen für landwirtschaftliches Unternehmertum gewinnen und Zukunftsinvestitionen in ländlichen Räumen absichern.
Politischer Appell: Momentum nutzen, geschlossen in Brüssel auftreten
Die Umfrage zeigt: Die Betriebe erwarten keine Sonderbehandlung, sondern faire und praxistaugliche Rahmenbedingungen. Die Signale aus dem Europäischen Parlament und aus der Ministerpräsidentenkonferenz sind ermutigend. Sie sollten nun in eine gemeinsame deutsche Verhandlungsposition übersetzt werden.
Ein Papier mit den zentralen Ergebnissen und Interpretationen des Barometers Agrargenossenschaften ist dieser Pressemitteilung als Anlage beigefügt.